Zugriff, Verfügbarkeit und Verflüssigung: Über eine Verantwortung am Bild


"Jener Sprache, die den Widerstand gegen einen nicht-erzählbaren Anfang artikuliert, wohnt die Furcht inne, dass die Abwesenheit der Erzählung eine gewisse Bedrohung, eine Bedrohung des Lebens und die Gefahr, wenn nicht gar die Gewissheit einer bestimmten Art von Tod mit sich bringt - Tod eines Subjekts, das seine eigenen Entstehungsbedingungen niemals vollständig einholen kann.
Dieser Tod, wenn es denn einer ist, ist jedoch nur der Tod einer bestimmten Art von Subjekt, eines Subjekts, das eigentlich überhaupt nie möglich gewesen ist; dieser Tod ist der Tod der Phantasievorstellung einer unmöglichen Herrschaft und damit der Verlust von etwas, das man nie besessen hat. Mit anderen Worten, ein notwendiger Schmerz."
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Judith Butler hebt mit der Unerzählbarkeit des Ursprungs vom eigenen Ich die inhärent ethische Ausgangssituation einer Bedingtheit hervor. Der Versuch ein eigenes Ich zu sein, ist der Versuch ein eigenes Ich zu haben. Dieser Besitzanspruch ist die Reaktion auf eine Ansprache durch ein Du, welches mich verstehen lässt, "dass ich zu Beginn mein Verhältnis zu dir bin" und ich nicht als ein von Anfang an festes Subjekt auf ein ebenso festes Objekt treffe.
Mit Nachsicht lässt sich sagen, dass die Inbesitznahme eines Eigenen ein notwendiger Schritt ist. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Aneignung von etwas Bestehendem. Es ist die Hervorbringung einer Handlungsfähigkeit, Schritt zum Schritt. Die Gewalt, die aus dem Herrschaftsanspruch "Ich bin Ich" resultieren kann - wenn man die Undurchsichtigkeit des eigenen Grundes mit allen Verwicklungen und Faltungen nicht anerkennt und dadurch auch unfähig ist, diejenigen der Anderen zu sehen - wird gemildert durch eine die eigene Opazität vergegenwärtigende und mit Urteilspausen durchsetzte Lückenhaftigkeit.
Sprich, Offenheit. Besser noch: Geöffnetheit.

Die Trennung von einem Ich im Inneren und der Welt im Äußeren vollzieht sich als ein grobes und stetiges Paradigma. Es schien nahe zu liegen: vor allem der Seh- und der Tastsinn vermitteln ein räumlich gedachtes Bewusstsein, das die Unterscheidung der beiden Bereiche mehr und mehr als unüberwindbar empfinden ließ. Didier Anzieu, der in der Psychoanalyse den Begriff des Haut-Ich prägte, formuliert eine Analogie von Körperlichem und Kognitivem:

"Man kann auf den Gedanken kommen, daß die den Berührungsempfindungen inhärente Zweiteilung die reflexive Zweiteilung des bewußten Ich vorbereitet, das in der taktilen Erfahrung seine Wurzeln hat." 2

"Man kann auf den Gedanken kommen" ist eine wunderbar passende Wortwahl, wenn man erkennt, dass es der Verstand ist, der trennt. Das cartesianische Subjekt ließ die Rollläden herunter. Es autorisierte sich, sah sich aber unfähig, aus eigener Kraft Aussagen über Dinge treffen zu können, die außerhalb seines sehr eng gewordenen Bereichs lagen.
Schon in der ausgehenden griechisch-römischen Antike sahen sich die verschiedenen philosophischen Schulen mit dem Problem konfrontiert, dass sich durch die Vereinzelung und die Abkehr von der Welt ihr Ziel, den Weg zum Glück eigenständig finden zu können, nicht erreichen ließ. Die gedankliche Abwägung darüber, was gut und was schlecht sei, führte zu keinem Ergebnis. Urteilsenthaltsamkeit und Passivität waren dann nicht zuletzt eine gute Ausgangslage für die Verbreitung des Christentums. Mit Skepsis betrachtete man den Übereifer und die gesteigerte Betriebsamkeit des Einzelnen und gab sein Schicksal in die Hand des transzendenten Herren. Der Verstand konnte sich im Spiel mit sich selbst zu jeder gesetzten These eine Antithese vorstellen, man verlor die Entscheidungsfähigkeit und hielt inne: die Epoché setzt ein und die Strukturen der eigenen Verfassung scheinen auf.
Mithilfe dieser Verfassung trockneten moralische Normen im Grund der Subjekte, obwohl die Skepsis in einer radikalen Form zu einem Selbsteinschluss führen müsste: meine Gleichgültigkeit selbst ist mir gleichgültig. Beispielhaft für die Suche nach einem Umgang mit der Unaushaltbarkeit von Antinomien war die pyrrhonische Skepsis, die sich darin übte, jegliche Dogmatisierung zu vermeiden ohne dabei selbst dogmatisch aufzutreten. 3
Dieser Selbsteinschluss könnte die Beweglichkeit, die Aufmerksamkeit und die oben besagte Geöffnetheit hervorbringen, weil er eine Bereitschaft darstellt, die eigene Souveränität aufs Spiel zu setzen.

Der unendliche Regress, der durch einen analytischen Geist bei der Suche nach dem Glück empfunden wird und dadurch zu jener Epoché, der Urteilsenthaltung, führt, ist eine Folge der verheerenden Ausgangslage der oben angesprochenen starren Positionierung des Ich. Diese Position, die Null - Blick des Eroberers und Schuss in den Fluchtpunkt - schreitet darauf mit einer zur unzweifelhaften Sicherheit eingeebneten Entschiedenheit über jenen Schmerz der Dezentralisierung hinweg.
Vor dem Schauplatz der Unentschiedenheit, auf dem alles überblickt werden sollte und nichts zu sehen war, zeichnet sich die ethische und normative Prägung des Eigenen, mit all seinen Vor-Urteilen. Hier liegt die Chance, eine Verwandlung zu vollziehen.

Die Positionierung vor dem Bild scheint dabei die Hierarchien zu festigen. Doch das Bild als Gegenüber unterzieht sich einer großen Verflüssigung, die einen Umgang mit dem Gesehenen und eine Aufnahme dessen ins eigene Terrain ermöglicht. Die Sichtbarkeit wird frei veränderbar und im Umgang mit ihr treten unsere ethischen Bedingungen zu tage. Nur, wenn diese bildliche Verfügbarkeit in ihrer Problematik erkannt wird, kann eine menschliche Entwicklung, eine Anamorphose der Anderen mit mir, passieren.
Am Bild selbst ist ein ethisches Handeln unabdingbar und die beidseitigen Tiefen der Beeinflussung dürfen nicht außer Auge gelassen werden beziehungsweise ihre Unsichtbarkeiten sollen zu jedem Zeitpunkt Verhandlungsgrundlage der Begegnung sein. Einerseits wäre eine leichtfertige Verwechslung des Bildes mit dem, was man zu sehen meint, verhindert. Andererseits entgeht man der Verabsolutierung einer Ikone und dem aussichtslosen Unterfangen, in dieser Ganzheit des Bildes die Festung des eigenen Ich nachzuzeichnen. Ansonsten ist die Herrschaft über das Bild eine Weiterführung des Blickregimes über den Bildgegenstand, welches das Subjekt letztlich doch die Beherrschung verlieren lässt.
Ein unmenschlicher Umgang am Bild kann nicht einfach abgeschaltet werden, die imperiale Geste des Betrachtens muss durch eine Frage der Annäherung abgelöst werden. Und genau darin liegt die Verantwortung beim Zugriff auf das Sichtbare. Denn dieser Zugriff sollte keiner sein.

Umgekehrt ist die Beeinflussung, das Einfließen des Bildes in mich, eine Mischung, bei der das Abgebildete sowie das Abbildende in einer Figur auftreten. Das Bild ist eine Art Differentialverhältnis, das gemeinsame Auftreten der Beteiligten, ohne einen objektivierten Anteil. Es gilt, ihre Stellung zueinander - die Überschaubarkeit der Aufnahmesituation in ihrer vertikalen und horizontalen Ausrichtung - beim Ansehen mitzusehen. Dann sehe ich nicht nur das, was mir gezeigt wird, sondern ich stelle mir vor, wie es ist, ein solches Bild zu schaffen. Erst, wenn ich mir der Schieflage der Aufnahmesituation bewusst werde, kann ich ein Urteil über sie fällen.
Das Erkennen der bildspezifischen Grundlagen des Gesehenen entspräche hierbei der Berücksichtigung der oben erwähnten ethisch-normativen Prägungen. Eine Begegnung auf Augenhöhe - ist sie möglich bei dem Ungleichgewicht der Ausgangssituation, dieser Gerichtetheit der Bildentstehung?

Das Ereignis der Begegnung ist entweder nicht hier oder es war nicht jetzt. Es kann gar nicht gegenwärtig sein, sonst wäre es kein Bild: die Anwesenheit von etwas Abwesendem zu sein ist die paradoxe Grundeigenschaft des Bildes. 4
Die Trennung von mir und meinem Gegenüber und das Verlangen, genau diese Schwelle zu überschreiten, wird intensiviert. Ich übersehe die Schwelle, tauche in das Bild in rauschhafter Körperlosigkeit, eine paradiesische Vorstellung des Leidlosen, das sich in der selbstvergessenen Bildbetrachtung einer vorübergehenden Erlösung vom In-der-Welt-sein befriedet. Die Injektion des Geistes ist eine potenziell gewaltvolle Handlung, sobald sie selbstvergessen gegenüber der eigenen Verfassung und dadurch auch derjenigen meines Gegenüber ist. Beim Eintauchen wird die Perspektive der bilderzeugenden Instanz zur eigenen Sichtweise und die Beeinflussung durch das Bild ist immer schon eine Beeinflussung durch die Hintergründe der Bildgenese.

Ein Bild zu werden bedeutet hingegen, sich ein Stück weit zu verlieren und es unterstreicht die Enteignung der nie vorhandenen Souveränität durch den Anderen.
Nur wenn die Bilderzeugung mit Vorsicht für die Instabilität des eigenen und des anderen Subjekts geschieht, kann die Bildwerdung meines Gegenüber eine Anerkennung der Gemeinsamkeit im Menschlichen werden.
Distanzierung und Annährung, Verfestigung und Auflösung. Die Beweglichkeit des Bildinneren wird auch bei visuell Erstarrtem durch die eigene Belebtheit erfahren - die Einbildungskraft animiert das Gesehene, der Moment des Eintauchens kann ein zwischenmenschlicher werden, wenn der eigene Standpunkt flexibel ist. Den Tod dabei zu fürchten, ist Teil der Öffnung zum Anderen, um sie und ihn am Grund des Eigenen zu wähnen. Dass die Vorherrschaft des Visuellen dabei die Sichtbarkeit einer Person ihr Recht auf eine unversehrte Gefasstheit übersehen lässt, nimmt ihr dieses Recht auf Ganzheit und zieht ihr die Haut vom Leib. So ist es notwendig, dass die sichtbaren Grenzen des Anderen fragend überschritten werden, so wie die Überschreitung meiner Grenzen durch Andere am Beginn meines Lebens mich als Ich erst ermöglichte.

Eine Blickwerdung des Ich führt zu einer Bildwerdung des Du. Wenn die Visualisierung der vorherrschende Zustand ist, muss die Verflachung und mit ihr die Schwelle bewusst gehalten werden. An ihr öffnen sich die Hintergründe, beiderseits, sie wäre der Umschlagsmoment. Doch nur, wenn ich sie auch im Auge behalte.





Martin Wiesinger, Februar 2018







    1 Judith Butler: Kritik der ethischen Gewalt, 2002
    2 Didier Anzieu: Das Haut-Ich,1992, S. 114
    3 Malte Hossenfelder: Grundriß der pyrrhonischen Skepsis,1993
    3 Für eine umfangreiche Bearbeitung der Bildthematik siehe:
    Lambert Wiesing: Die Sichtbarkeit des Bildes,1997,
    Ein Abgleich der von Judith Butler oben erwähnten Anrede des "Wer bist du?" wäre vor allem mit Wiesings Das Mich der Wahrnehmung(2009) interessant. Wiesing verfolgt die Bedingtheit des Eigenen durch Äußeres, die als solche schon gar nicht mehr verstanden werden dürfen, phänomenologisch.



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